Ein Röntgenbild unserer Seele

By 16 Juli, 2020August 14th, 2020Evangelium, Zum Lesen

New York, 12. Juli, 2020 |    XV. Sonntag im Jahreskreis von P. Luis CASASUS, Gerneralsuperior der Missionare Identes.

Jesaja 55: 10-11; Römerbrief 8: 18-23; Hl Matthäus 13: 1-23.

Ein Gleichnis ist wie der Docht einer Kerze: Er ist sehr klein, und doch kann er, selbst wenn sein Licht schwach ist, dazu führen, dass man einen Schatz findet.

Das Gleichnis vom Sämann birgt zweifellos viele Schätze in sich, denn Jesus kümmert sich darum, sie seinen Jüngern im Einzelnen zu erklären. Obwohl das unerschöpflich ist, sind wir unter anderem eingeladen unsere Seele, den Boden, auf den der Same fällt, besser kennenzulernen.

Das Gleichnis vom Sämann bezieht sich nicht auf vier Arten von Menschen, sondern auf vier innere Gemütslagen, die in jedem von uns zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen Ausmaßen zu finden sind.

Jesus erklärt, dass wir die meisten der Botschaften, die der Heilige Geist uns sendet, vergeuden. In jedem einzelnen von uns werden der gute Boden, die Dornen, der felsige oder trockene Boden immer zusammen vorkommen.

Auf wie viele Arten spricht Gott zu uns? Natürlich gibt es keine Begrenzung. Er unterliegt nicht den Gesetzen der Kommunikation oder der Sprache. Aber aus unserer Sicht und Erfahrung können wir sagen, dass seine Stimme uns über drei Kanäle erreicht: über die Befähigungen unserer Seele, über die Ereignisse um uns herum und vor allem aber über unsere Mitmenschen.

Das erste, was uns in diesem Gleichnis aufhorchen lässt, ist dass der Sämann den Samen im Überfluss ausstreut: auf die Straße, auf Felsen, in die Dornen … auf jede Art von Boden. So ist sicherlich die erste Beobachtung, die man machen muss, dass Gott uns Zeichen und Signale in Hülle und Fülle sendet. Das steht im Gegensatz zu dem, was wir manchmal fühlen und sagen, oder wenn wir gar behaupten, dass er uns vergessen hat.

Wir dürfen nicht vergessen, dass der Same, der normalerweise von Gott kommt, etwas sehr Kleines ist, nichts Spektakuläres. Selbst das Leben Jesu blieb für viele Menschen unbemerkt. Ohne Zweifel war Johannes der Täufer bekannter als Er.

Dies deutet darauf hin, dass das Wort, das von Gott in unsere Herzen gesät wird, besondere und differenzierte Aufmerksamkeit verdient.

Zunächst müssen wir uns, wie bei der wissenschaftlichen Beobachtung, bestimmter Details, einiger unerwarteter oder “unlogischer” Dinge bewusst sein, die sich als der Schlüssel zu neuen Entdeckungen, zu neuen Wegen erweisen. Dasselbe gilt für einen Musiker, der wirklich danach strebt, sein Instrument zu beherrschen. Ein berühmter Violinist, Fritz Kreisler, gestand:

Der Weg, der zum Leben eines Geigers führt, ist schmal. Stunde um Stunde, Tag für Tag und Woche für Woche lebte ich über viele Jahre mit meiner Geige. Es gab so viele Dinge, die ich tun wollte und unerledigt lassen musste; es gab so viele Orte, die ich besuchen wollte, doch ich musste üben, wenn ich die Geige beherrschen wollte. Die Straße, auf der ich reiste, war schmal und der Weg schwierig.

Warum sollte ich in unserem geistlichen Leben, in unserer Beziehung zu Gott, anders sein?

Was kann uns davon abhalten, uns dieser Schlüsselerfahrungen bewusst zu werden? Im Wesentlichen Ablenkungen, Oberflächlichkeit und Ehrgeiz.

So schlage ich heute eine Diagnose unserer Unfähigkeit vor, unsere Grenzen beim Empfang dieser Botschaften des Heiligen Geistes, die sich nicht auf das geschriebene Evangelium und die Lehre der Kirche beschränken.

Wir müssen zugeben, dass diese geistlichen und emotionalen Behinderungen überwunden werden können; sie sind nicht absolut oder dauerhaft. In einem ersten Schritt müssen wir uns ihrer bewusster werden, sie identifizieren und wissen, wie sie uns lähmen und uns daran hindern, Gottes Stimme zu hören.

Ablenkung unseres Verstandes. Wir haben gesagt, dass der Heilige Geist die Befähigungen unserer Seele berührt. Das ist nichts Magisches oder Spektakuläres, auch wenn manche Menschen manchmal überraschende Erfahrungen machen. Aber der Same, der in unsere Gedanken fällt als eine Initiative, oder in unserem Willen, als eine Anregung zu vergeben, wird von den Vögeln oder vom Teufel weggenommen (Mk 13,4.15). Wir können uns vorstellen, dass dies auf dramatische Weise geschieht, als ein großer Kampf gegen die Versuchung, ein schreckliches Hin und Her zwischen richtig und falsch. Aber das ist selten der Fall.

Deshalb spricht Jesus von kleinen Vögeln; Vögel, die nicht gefährlich zu sein scheinen und die sich als nichts weniger als Instrumente des Bösen entpuppen und am Ende den Samen verschlingen.

Jesus sagt nicht, dass der Same durch irgendein katastrophales Ereignis zerstört wird, oder durch ein Tier, das etwas Schreckliches oder Negatives in der Bibel symbolisiert. Es handelt sich nicht um Drachen, Schlangen oder Skorpione, sondern um scheinbar harmlose Vögel.

Natürlich ist eine Straße nicht der beste Ort, um zu säen, denn Menschen, Tiere, Fahrzeuge fahren vorbei… selbst ein kleiner Windstoß kann wegwehen, was gesät wurde. Der Teufel hat da keine Mühe. So wie der Heilige Geist in unseren Köpfen großzügige Ideen und Möglichkeiten zur Nachahmung Jesu weckte, so sendet der Teufel eine Wolke unnützer Gedanken, Erinnerungen und Neugierde aus, die wie die Vögel im Gleichnis sind. Unauffällig und leise, buchstäblich charmant, fesselnd, zerstört und vernichtet das den Samen. Christus spricht nicht von Löwen oder Monstern, die uns verschlingen. Es sind einfach Ideen und Gedanken von harmloser Erscheinungsweise, die jedoch den Platz besetzen, den der Heilige Geist in uns einnehmen wollte.

Man könnte sagen, dass die Ablenkung das erste Hindernis ist, das wir dem Heiligen Geist in den Weg legen, das erste Symptom unserer geistlichen Taubheit. Es ist der größte Sieg des Teufels; ganz ohne Kampf; wir sind uns seiner Anwesenheit nicht einmal bewusst. Und in solchen Momenten sind wir gar in der Lage jeden, der mit uns über das Wirken des Teufels spricht, als exzessiv, obsessiv oder fanatisch zu bezeichnen. Unser Bild von dem Bösen ist manchmal das der weniger gebildeten Menschen im Mittelalter. Wir stellen ihn uns als schrecklich aussehendes Wesen vor, mit Hörnern und einem Dreizack… aber niemals als einen kleinen Vogel, wie Jesus in diesem Gleichnis nahelegt.

Im Evangelium zeigt möglicherweise Martha vor allem diese Haltung. Sie war durch all die Dinge, die sie zu tun hatte, abgelenkt. In Wirklichkeit hätte sie nur zu den Füßen Jesu sitzen brachen. Sie wurde durch ihr geschäftiges Tun abgelenkt, das nicht negativ oder unmoralisch war, sondern sie völlig in Anspruch nahm. (Lk 10, 38-42). Wir müssen dazu sagen, dass die Ablenkungen NICHT zu schlechten Handlungen führen müssen. Ihre Existenz genügt, um unsere Gedanken von Gott zu trennen, was es dann unmöglich macht, dass sich Sein Wille in uns erfüllt.

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Die Oberflächlichkeit in unserem Willen ist wahrscheinlich unsere zweite geistliche Behinderung. Jesus sagt es geradeheraus: Was vom Geist gesät wird, hat zunächst keine tieferen Wurzeln. Das sind Gelegenheiten, bei denen wir schon erkennen, woher die Inspiration kommt, uns aber weigern, uns um die Annahme dessen tatsächlich auch zu bemühen. Das ist die Oberflächlichkeit, die man als Willenlosigkeit, geistliche Trägheit oder Faulheit, Inkonsequenz oder kindisches Verhalten bezeichnen kann. Dies ist gemeint, wenn der Boden nicht tief ist.

Beachten wir, dass Christus hier nicht von Konflikten spricht, von verschiedenen Möglichkeiten. Es geht auch nicht um Kampf, sondern um eine oberflächliche rein instinktive Logik, die mich fast unbewusst zu der Aussage führt: „Nein! Das ist zu viel!“ Oder: „Ich habe andere Dinge zu tun.“ Oder: „Jetzt kommt es mir gerade in den Sinn, irgendetwas zum Thema zu sagen …“

Es geht um Angst vor Verpflichtung, vor jeder Art von Anstrengung. Angst davor, meinen Wohlfühlfaktor, meine Zeit, meine Gewohnheiten aufzugeben, es geht um loslassen.

Es gibt keinen offenen Konflikt, sondern einen Mangel an Wertschätzung, an Perspektive, an Hochschätzung des Augenblicks. Bei vielen von uns äußert sich dies in Tätigkeiten, die keinen wirklichen Sinn haben: Gespräche, die nicht aufbauen oder weiter führen, Belanglosigkeiten über Essen oder Zeitpläne und vor allem die Suche nach Aufmerksamkeit um jeden Preis.

Jesus begegnete dieser Haltung in seinem apostolischen Leben zu Hauf. Als er sich zum Beispiel bitterlich über die geistliche Blindheit und die geringe Wertschätzung der Bewohner zweier Dörfer beklagte, in denen er viele Wunder vollbracht hatte, sagte er:

Wehe dir, Chorazin! Wehe dir, Bethsaida! Wenn die Wunder, die bei euch geschehen sind, in Tyrus und Sidon geschehen wären, hätten sie längst in Sack und Asche Buße getan (Mt 11,21).

Die Folgen dieser Oberflächlichkeit sind dramatisch. Wenn wir in vielerlei Hinsicht bereits so viel Gnade empfangen und angenommen haben, gehen wir durch Oberflächlichkeit einen großen Schritt zurück (geben unsere Mission auf oder begehen einen Verrat).

Die dritte geistliche Behinderung stellt Jesus mit dem felsigen Boden dar. Er spricht von dem Wunsch, reich zu sein. Es geht um den Ehrgeiz; aber nicht einfach um den Ehrgeiz, viel Geld zu haben, um Bequemlichkeit oder Behaglichkeit; auch nicht politische Macht. Dies sind zwar Beispiele für den Ehrgeiz, aber die häufigsten, die Sie und mich jeden Tag bedrohen, sind Bindungen, echte Abhängigkeiten von meiner Meinung, meinen Vorlieben oder dem Streben nach Erfolg.

Hier kommt es zu einer Konfrontation, zu einem direkten Zusammenprall mit dem Wort Gottes. Ich kann wählen zwischen Freiheit und Sklaverei. Jeder hat seine/ihre Meinung, seine/ihre Vorlieben und den Wunsch nach Erfolg. Das ist an sich nicht schlecht. Doch wenn ich Sklave dessen werde …

Unser Stiftervater Fernando Rielo nannte diese sklavische Abhängigkeit oder Anhänglichkeit Anhänglichkeit an die Welt, an Urteile, an Wünsche und an mein Glückstreben.

Besonders stark ist DAS Glückstreben: Wir wollen Zufriedenheit, wir wollen unmittelbaren Erfolg in allen Bemühungen sehen. Wir wollen Dankbarkeit, Akzeptanz; wir wollen sehen, wie andere sich (nach meinen Vorstellungen) ändern, wir wollen verstanden werden.

All dies gehört zu dem Begriff Ehrgeiz. Er ist einer unserer mächtigsten stärksten Grenzen im Hören auf Gott. Wir können es Sünde, Laster oder Veranlagung nennen, was immer wir wollen; aber Christus zeigt uns immer einen Weg, das zu überwinden. Paradoxerweise haben wir Angst davor, nicht mehr Sklaven zu sein. Das ist “Angst vor der Freiheit“, wie ein berühmter Philosoph des 20. Jahrhunderts sagte: Der Ehrgeiz ist in der Lage, unsere gesamte Befähigung zur Vereinigung mit Gott und mit unserem Nächsten zu verzerren und zu verunreinigen.

Wie wir eingangs sagten, spricht der Heilige Geist zu uns durch unsere Fähigkeiten, durch Ereignisse, die wir sehen, und durch unseren Nächsten. Was die Ereignisse um uns herum betrifft, machen uns die genannten Behinderungen oder Begrenzungen (Ablenkung, Oberflächlichkeit und Ehrgeiz) blind dafür, wie Gott uns (zu weilen paradoxerweise) durch genau diese Grenzen etwas Neues klar machen will. In diesen Monaten haben wir gesehen, wie sich viele Menschen angesichts der verheerenden Auswirkungen der Pandemie Gott zugewandt haben.

Aber es gibt eben viele alltägliche Gegebenheiten, wie z.B. gesund zu sein, die Sonne aufgehen zu sehen oder jemanden, der uns einen Gefallen tut. Das kann uns mit einem Gefühl der Dankbarkeit näher zu Gott führen.

Der wichtigste Weg aber wie Gott mit uns spricht, ist meines Erachtens unser Nächster. Der Mensch an meiner Seite.

Es ist uns nicht fremd, dass wir unsere Mitmenschen lieben sollen, auch unsere Feinde. Dies wird oft damit erklärt, dass alle Gottes Kinder sind und Mitgefühl und Empathie verdienen. So wie es doch jeder von uns doch auch von Gott empfängt. Aber da ist noch etwas anderes. Zweifellos will uns der Heilige Geist durch das Leben von Freunden und Feinden etwas Wichtiges sagen. Wir sind aber in der Lage, diese Botschaft wieder und wieder zu ignorieren.

Mehr als eine feinfühlige Person berichtet, dass er viel von den Menschen gelernt hat, die ihm Liebe zuteilwerden ließen; mehr noch aber lernte er oder sie von denjenigen, die ihm/ihr mit Hass und Missverständnisse begegneten. Hier lässt uns Gott durch diese Menschen erkennen, dass er immer etwas von uns erwartet; das wir immer etwas Gutes tun können, auch wenn die andere Person unsensibel, egoistisch und unangenehm erscheint. Vielleicht will Gott mir durch meine Feinde, durch die Skandale vieler Menschen die wichtigsten Veränderungen zeigen, die ich in meinem Leben vornehmen muss.

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