
Evangelium nach Matthäus 5,1-12
In jener Zeit als Jesus die vielen Menschen sah, die ihm folgten, stieg er auf einen Berg. Er setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm. Dann begann er zu reden und lehrte sie. Er sagte: Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden. Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben. Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden. Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden. Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen. Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden. Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet. Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein.
Die Seligpreisungen: Vorspiel zur Ewigkeit
P. Luis CASASUS, Präsident der Idente Missionarinnen und Missionare
Rom, 1. Februar 2026 | IV. Sonntag im Jahreskreis
Zef 2,3; 3,12–13; 1 Kor 1,26–31; Mt 5,1–12
Unser Gründer, Fernando Rielo, sagte, die Liste der Seligpreisungen im Evangelium hätte viel länger sein können, denn in Wahrheit handelt es sich um Verheißungen, die sich täglich erfüllen – und von denen wir fortwährend und auf sehr vielfältige Weise Erfahrung machen.
Christus hat jedoch eine sehr aussagekräftige Auswahl getroffen, vor allem weil er uns in ihnen zeigt, welche Konsequenzen, welche Antwort des Heiligen Geistes es auf jene gibt, die in diesen Seligpreisungen beschrieben werden: vor allem das „Besitzen des Himmelreiches“. Darüber lohnt es sich nachzudenken, denn Jesus sagt nicht „eintreten“ oder „verdienen“, sondern „besitzen“ – ein ganzes Reich besitzen. Das impliziert eine Verantwortung, die für einen armen Menschen kaum vorstellbar ist, so fähig er sich auch halten mag. Denn es handelt sich um ein Erbe, das uns als Kindern geschenkt wird, wie eine der Seligpreisungen erklärt: Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.
Das ist in Wahrheit Jesu Stil. Er begegnet uns und tröstet uns auf diese Weise – nicht bevormundend, sondern indem er uns mit seiner eigenen Aufgabe vereint. Das bestätigt er später, wenn er sagt: Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig, und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen (Mt 11,28–29). Der erste Eindruck ist Überraschung: Wird es mich trösten, ein Joch zu tragen … oder – schlimmer noch – für ein Reich voller unverbesserlicher Rebellen wie mich verantwortlich zu sein?
Doch genau das ist die Aufgabe des Meisters: uns sehen zu lassen, was wir uns nicht vorstellen können, wenn wir müde, entmutigt oder sogar verzweifelt sind.
Erinnern wir uns an eine ungewöhnliche Episode aus dem Alten Testament, die uns helfen kann zu verstehen, wie sehr die Seligpreisungen den Dialog zwischen unserer Schwäche und der göttlichen Macht widerspiegeln.
Der junge Gideon tritt in einer der dunkelsten Zeiten Israels auf (Ri 6–7). Das Volk ist von den Midianitern unterdrückt, lebt in Angst und Mangel, und er selbst hält sich versteckt, indem er Weizen in einer Kelter drischt, damit er den unerbittlichen und mächtigen Midianitern nicht gestohlen wird. Er verhält sich nicht wie ein Held, sondern wie jemand, der Angst hat und verwundbar ist. Und gerade da beruft Gott ihn zu etwas Unvorstellbarem. Der Engel des Herrn erscheint ihm und sagt: Der Herr ist mit dir, du tapferer Held.
Die Ironie ist frappierend: Gideon fühlt sich überhaupt nicht mutig. Er antwortet mit Zweifeln und einem Bekenntnis seiner Schwäche: Wenn der Herr mit uns ist, warum geschieht uns das alles? Mein Sippenverband ist der geringste … und ich bin der Jüngste in meiner Familie.
Mit anderen Worten: Er fühlt sich klein, unzulänglich und verwirrt – und genau da verlangt Gott von ihm das Unvorstellbare: Israel zu befreien. Gott ignoriert seine Zerbrechlichkeit nicht und gibt ihm ein Zeichen, das wir vielleicht als banal ansehen würden: ein Stück Wolle, das er auf der Tenne ausbreitete; am Morgen war es vom Tau nass, während der Boden ringsum trocken war. Ein Zeichen, das nur für ihn Bedeutung hatte – intim und stärker als jede Berechnung.
Später lässt Gott ihn sogar die Angst seiner Feinde kennenlernen, indem er ihn einen von ihnen einen Traum erzählen hören lässt. Dann erringt Gideon, der auf Gottes Befehl sein Heer von 32 000 auf nur 300 Mann reduziert hatte, einen überwältigenden Sieg und erschlägt 120 000 Midianiter, obwohl diese so zahlreich waren wie Heuschrecken und ihre Kamele unzählbar.
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Natürlich deckt sich Gideons persönliche Erfahrung nicht mit der unseren. Nicht alle sind wir berufen, ein Volk von mächtigen Unterdrückern zu befreien. Und selbst das hat keinen bleibenden Wert: Denn als Gideon starb, vergaßen die Israeliten den Herrn, ihren Gott, der sie aus der Hand all ihrer Feinde ringsum befreit hatte (Ri 8,34).
Die Botschaft dieser Episode – wie so vieler anderer im Alten und Neuen Testament – lehrt uns eine Lektion, die direkt mit den Seligpreisungen verbunden ist: Wenn wir unsere Begrenzungen und äußeren Schwierigkeiten im Glauben annehmen, dass Gott über uns wacht, wird uns die Möglichkeit geschenkt, etwas zu tun (gewiss etwas Kleines – doch sein menschliches Maß spielt keine Rolle), dessen Folgen ewig sein werden, weil es Teil der Landschaft des Himmelreiches sein wird. Das mag … größenwahnsinnig klingen, aber die Ewigkeit wäre nicht dieselbe, wenn wir aufhörten, diese Begrenzung – welcher Art auch immer – darzubringen, die uns selbstverständlich schmerzt.
Diese Wirklichkeit erinnert mich an ein Gemälde im Louvre (Paris), das nur 6 cm misst; es ist das kleinste Werk des Museums und trägt den Titel Porträt eines Mannes. Es hat nichts mit der berühmten Mona Lisa zu tun, dem Star des Louvre, ist aber wegen seiner Feinheit und Ausdruckskraft bekannt. Wäre es nicht in der Galerie der flämischen Malerei … der Louvre wäre nicht derselbe.
Christus bestätigt dies feierlich, wenn er die letzte der Seligpreisungen verkündet: Selig seid ihr, wenn man euch schmäht und verfolgt und euch alles Böse nachsagt um meinetwillen. Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein. Denn so hat man schon die Propheten verfolgt, die vor euch lebten. Das war das perfekte Argument für die armen Menschen, die ihm zuhörten: Er sagte ihnen damit, dass ihr Leben mit dem der Propheten vergleichbar sei – jener also, die sichere Führer und Licht für das Volk Israel gewesen waren.
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Richten wir unseren Blick nun besonders darauf, wie Jesus sagt: Selig die Sanftmütigen; denn sie werden das Land erben. Bezeichnend ist, dass er dasselbe Wort verwendet, um sich selbst als sanftmütig und von Herzen demütig zu bezeichnen (Mt 11,29). Diese Sanftmut hat eine etwas andere Bedeutung als das, was wir gewöhnlich unter „sanft sein“ verstehen, nämlich nicht aggressiv zu sein.
Im evangelischen Sinn besitzt die Sanftmut jedoch einen äußerst interessanten positiven Gehalt, denn sie bezieht sich auf nichts Geringeres als das Zentrum unserer Anstrengung im asketischen Gebet: darauf, wie wir die einigende Fähigkeit gebrauchen.
Sanftmut ist Selbstverleugnung, Selbstbeherrschung, sich nicht von Zorn oder Gewalt mitreißen zu lassen, aber auch nicht von dem vorschnellen Drang, auszusprechen, was ich zu wissen glaube.
In einem kleinen Bergkloster besaß der Meister eine exquisite Porzellanvase, berühmt für ihre Schönheit und ihr Alter. Eines Tages, als ein junger Novize den Raum reinigte, glitt ihm die Vase aus den Händen und zerschellte in tausend Stücke.
In diesem Moment betrat ein Kaufmann, der das Kloster besuchte, den Raum. Als er das Unglück und das bleiche Gesicht des Novizen sah, lächelte er überheblich. Kurz darauf kam der Meister herein, und der Kaufmann, begierig, seine Klugheit zu zeigen und dem Meister „zu helfen“, öffnete den Mund, um den Schuldigen zu benennen.
Doch der Meister hob die Hand und bat ihn zu schweigen, noch bevor er ein Wort sagen konnte. Er trat zu den Scherben, betrachtete sie ruhig und sagte: Der Nachmittagswind war heute sehr stark, nicht wahr?
Der Novize, zitternd, nickte schweigend. Der Kaufmann war empört. Er wusste genau, dass es nicht der Wind gewesen war, sondern die Ungeschicklichkeit des jungen Mannes. Er wollte die Wahrheit herausschreien, beweisen, dass er wusste, was geschehen war – doch der gelassene Blick des Meisters hielt ihn zurück, wenn auch widerwillig.
In jener Nacht ging der Novize in die Zelle des Meisters. Weinend gestand er seinen Fehler und dankte ihm, dass er ihn vor dem Kaufmann nicht gedemütigt hatte. Von diesem Tag an wurde der junge Mann der aufmerksamste, hingebungsvollste und sorgfältigste Schüler, den das Kloster je gekannt hatte.
Jahre später kehrte der Kaufmann zurück und fragte den Meister: Warum hast du mich nicht die Wahrheit sagen lassen? Ich wusste doch, was geschehen war. Du hast eine Lüge im Raum stehen lassen.
Der Meister antwortete: Du hattest Wissen, aber keine Weisheit. Auszusprechen, was du zu wissen glaubtest, hätte nur deinem Ego gedient und einen jungen Mann gedemütigt, der bereits litt. Indem du nicht sofort gesagt hast, was du „wusstest“, hast du der Wahrheit Raum gegeben, in der Gestalt von Reue und Treue zu wachsen – etwas weit Wertvolleres als eine bloße Anklage.
Sanftmut wurzelt im Vertrauen auf Gott, in der Anerkennung, dass er es ist, der Gerechtigkeit übt, wie und wann er will.
Sanftmut ist innere Stärke, die Fähigkeit, auf das Böse zu antworten, ohne Böses zurückzugeben. Dieses „Zurückgeben des Bösen“ bezieht sich selbstverständlich nicht nur auf körperliche Gewalt, sondern auch auf verletzende Worte oder Gesten des Widerspruchs.
Es ist bemerkenswert, dass Christus hier statt vom „Himmelreich“ vom „Besitzen der Erde“ spricht, als wolle er die unmittelbare Antwort Gottes betonen, damit niemand meint, Sanftmut trage erst nach dem Tod Frucht. In Wirklichkeit bedeutet sie, das wahre Leben zu besitzen – schon jetzt und in seiner Fülle in der Ewigkeit.
Ein eindrucksvolles Beispiel für die Kraft, die den Sanftmütigen geschenkt wird, sehen wir, als Christus im Garten Getsemani gewaltsam festgenommen wird: Im Gegensatz zur aggressiven Reaktion des Petrus, der einem Knecht des Hohenpriesters das Ohr abschlägt, heilt Jesus ihn mitten im Gedränge und unter Drohungen sofort. Wer sanftmütig ist wie Christus, ist weder untätig noch gleichgültig; im Gegenteil, er umarmt die Weisheit, um zu erkennen, wie und wann zu handeln ist.
Auch der heilige Paulus war kein ängstlicher oder furchtsamer Mensch. Wir alle erinnern uns an sein Bild zu Pferd, wie er die Angehörigen jener Gruppe verfolgte, die verdächtigt wurde, Christus nachzufolgen, oder der Steinigung des heiligen Stephanus zustimmte. Dennoch verstand und lebte er die Sanftmut leidenschaftlich. In seinem Galaterbrief (5,22–23) zählt er die Früchte des Geistes auf und nennt ausdrücklich die Sanftmut:
Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Selbstbeherrschung.
Für Paulus öffnet die Sanftmut die Tür zur Vergebung und damit zu einem Zusammenleben ohne Spaltungen, Stolz und Machtkämpfe. Darum ermahnt er uns: Lebt in aller Demut und Sanftmut, in Geduld; ertragt einander in Liebe (Eph 4,2).
Auf die eine oder andere Weise, mehr oder weniger ausdrücklich, suchen wir alle das Glück – doch es ist stets ein Zustand, der vom Wunsch nach Kontrolle, Macht, Ruhe, Unabhängigkeit, gutem Ruf oder irgendeiner Form von Lust verunreinigt ist.
Die einzig mögliche Antwort ist jedoch die Christi, der uns ein Glück anbietet, das nicht individualistisch ist, nicht statisch, nicht von äußeren Ereignissen oder Stimmungsschwankungen abhängt. Nur wenn wir mit den anderen weinen, einander Barmherzigkeit erweisen und unsere Herzen von unreinen Absichten gereinigt werden, können wir zu Recht Kinder Gottes genannt werden.
In den Heiligsten Herzen von Jesus, Maria und Josef,
Luis CASASUS
Präsident











