Evangelium to go

Brauchen wir „Leben in Fülle“? | Evangelium vom 26. April

Von 22. April 2026April 28th, 2026No Comments

Evangelium nach Johannes 10,1-10
In jener Zeit sprach Jesus: Amen, amen, das sage ich euch: Wer in den Schafstall nicht durch die Tür hineingeht, sondern anderswo einsteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber. Wer aber durch die Tür hineingeht, ist der Hirt der Schafe. Ihm öffnet der Türhüter, und die Schafe hören auf seine Stimme; er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen und führt sie hinaus. Wenn er alle seine Schafe hinausgetrieben hat, geht er ihnen voraus, und die Schafe folgen ihm; denn sie kennen seine Stimme. Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern sie werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme des Fremden nicht kennen.

Dieses Gleichnis erzählte ihnen Jesus; aber sie verstanden nicht den Sinn dessen, was er ihnen gesagt hatte. Weiter sagte Jesus zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Ich bin die Tür zu den Schafen. Alle, die vor mir kamen, sind Diebe und Räuber; aber die Schafe haben nicht auf sie gehört. Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden. Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.

Brauchen wir „Leben in Fülle“?

P. Luis CASASUS Präsident der Idente Missionarinnen und Missionare

Rom, 26. April 2026 | IV. Sonntag der Osterzeit

Apg 2,14a.36–41; 1 Petr 2,20–25; Joh 10,1–10

Im heutigen Evangelium heißt es, dass Christus das Bild von jemandem verwendet, der über die Mauer in den Schafstall einsteigt, um zu sagen, dass er ein Dieb ist, während ein anderer durch die Tür eintritt als Bild des Hirten… und sie ihn nicht verstanden. Doch als er anschließend sagt: „Ich bin die Tür“, spricht er weiterhin von den Dieben, die kommen, um zu stehlen, zu töten und zu zerstören.

Es ist sehr gut möglich, dass auch wir die Botschaft dieses Gleichnisses nicht verstanden haben, weil wir uns selbst nicht als Diebe betrachten; wir gestehen ein, einige Fehler begangen zu haben, aber technisch gesehen sehen wir uns nicht als Diebe. So legen wir dieses Gleichnis innerlich beiseite und nehmen an, es richte sich an extrem gewalttätige Menschen, die tatsächlich stehlen, töten und zerstören.

Dann begnügen wir uns mit dem zweiten Teil des Textes und akzeptieren zumindest rational, dass Jesus die Tür der Schafe ist. Auf diese Weise – wie die Juden, die dem Meister zuhörten – nutzen wir seine erste Lehre nicht: Alle unsere Sünden sind eine Form des Diebstahls. Es stimmt, dass traditionell gesagt wird, der Hochmut sei der Ursprung aller Todsünden, und manchmal wird auf die Ursünde als den Ungehorsam verwiesen, der jede Form der Sünde und eine verwundete Natur in uns eingeführt hat. Doch nun gibt uns Christus einen Hinweis, um uns bewusst zu machen, wie wir immer handeln, wenn wir sündigen: Wir versuchen, uns etwas anzueignen, das uns nicht gehört. Zum Beispiel:

► Wir verlieren Zeit, indem wir sie sinnlos und ungeordnet nutzen, ohne anzuerkennen, dass sie eine Gabe ist, ein Mittel, um etwas für das Reich zu tun. Das zeigt sich in unseren Verfehlungen gegen die Armut, in unserem Mangel an Ordnung und Fleiß. Ohne Worte erklären wir uns zu Eigentümern einer Zeit, die uns gegeben wurde, um ein bestimmtes Gut hervorzubringen – im Denken, im Handeln oder auf andere Weise. Wir stehlen und zerstören ein Gut, das uns nicht gehört.

► Wenn wir gegen die Keuschheit verstoßen – sei es durch Gedanken, Bilder oder durch unmäßige Handlungen mit unserem eigenen Körper oder dem des Nächsten –, sind wir Opfer einer Begierde, die sich nicht nur auf Geld bezieht. Wie das Alte Testament sagt: „Wer unrechtmäßigem Gewinn nachjagt, verliert sein Leben“ (vgl. Spr 1,19). Wieder ist die Unreinheit eine Form, etwas Schönes zu rauben, das dazu bestimmt war, Frucht zu bringen, die wir durch die Suche nach Lust oder sexueller Erregung zerstören.

► Der Mangel an Gehorsam bedeutet immer, dass ich eine Angelegenheit meinem Urteil unterwerfe, die „mir nicht gehört“; man widersetzt sich immer jemandem, dem die Entscheidung eigentlich zustand. Der Ungehorsame raubt diese Funktion: zu entscheiden, festzulegen und zu bestimmen, was zu tun ist, wie und wann.

► Der wichtigste Fall ist natürlich der Mangel an Liebe. Er bedeutet, die Beziehungsform zu zerstören, die Gott selbst zwischen uns vorgesehen hat. Es ist eine Weise, sich dem Nächsten entgegen Gottes Plan zu nähern. Wir eignen uns seine Pläne an. Wir nähern uns den anderen, indem wir die Mauer überspringen, die sie schützt. Ja, wir handeln wie echte Diebe.

Auch wenn sich noch viele weitere Beispiele nennen ließen, ist das Entscheidende, sich bewusst zu machen: Noch bevor ich eine Sünde begehe, wächst in mir eine Begierde, die mich antreibt, mir etwas anzueignen, das nicht mir gehört.

So verhält es sich auch bei unseren Unterlassungssünden oder unserer mangelnden Sensibilität für das Leid der anderen. Der heilige Basilius der Große (329–379) sagte: „Das Brot, das du aufbewahrst, gehört dem Hungrigen; der Mantel, der in deinem Schrank hängt, gehört dem Nackten… so oft du hättest helfen können, begehst du Unrecht.“

Aus dieser Perspektive ist Sünde nicht nur „ein Regelbruch“, sondern die widerrechtlice Aneignung von etwas, das Gott, dem Nächsten oder sogar unserer eigenen Natur gehört.

Eine berühmte Tragödie der antiken griechischen Literatur, Prometheus in Ketten von Aischylos (5. Jh. v. Chr.), bewegt sich ebenfalls in dieser Perspektive. Sie basiert auf dem Mythos des Titanen Prometheus, der die Götter täuschte, sodass sie beim Opfer das Schlechtere erhielten und die Menschen das Bessere. Zudem hatte er das Feuer gestohlen, um es den Sterblichen zu geben, und wurde dafür von Zeus bestraft, weil er sich einen Platz angemaßt hatte, der ihm nicht zustand.

Er nahm etwas, das den Göttern gehört – das Feuer – und gab es den Menschen. Aischylos stellt es als eine Gabe dar, die man nicht besitzen kann, ohne die Ordnung des Kosmos zu verändern. Das Feuer ist ein Symbol für die Distanz zwischen Göttern und Menschen, und indem Prometheus es weitergibt, verändert er die Struktur der Schöpfung selbst.

Auch diese Tragödie zeigt: Das Böse beginnt als innerer Impuls – die Überzeugung, dass ich über etwas verfügen kann, das mir nicht gehört.

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Der zweite Teil des Evangelientextes ist ebenfalls neuartig: eine Selbstdarstellung Jesu, die dem Dieb – dem, der Leben raubt – völlig entgegengesetzt ist. Er stellt sich als der dar, der kommt, damit wir Leben haben und es in Fülle haben.

Unbewusst neigen wir dazu zu denken, dass die asketische Anstrengung, unser Streben nach Vollkommenheit, im Wesentlichen darin besteht, das Böse zu vermeiden – keine schlechten Handlungen zu begehen, nicht in negative Gedanken und Wünsche zu fallen… Doch wenn Christus das Gleichnis vom Sämann erzählt, spricht er vom guten Boden. Und wir müssen uns fragen, warum dort keine Dornen wachsen können und warum er dreißig-, sechzig- oder hundertfach Frucht bringt.

Das erklärte mir ein Freund, der an der Universität Agrarwissenschaft lehrt: Wenn ein Landwirt Luzerne dicht aussät und es ihm gelingt, dass sie kräftig wurzelt, wächst sie so dicht und ihre Blätter breiten sich so aus, dass sie einen grünen „Teppich“ bilden. Dieser blockiert nahezu 100 % des Sonnenlichts, das den Boden erreicht. Die Samen der Unkräuter, die Licht zum Keimen brauchen, bleiben „schlafend“ oder sterben im Schatten.

Zudem sind die Wurzeln der Luzerne extrem tief und effizient. Sie nehmen Wasser und Mineralstoffe so schnell auf, dass Unkräuter, die zu sprießen versuchen, keine Nahrung finden. So geschieht es: Ist das Feld leer, überwuchern es sofort Dornen. Ist es hingegen von einem kräftigen Gut erfüllt, verliert das Böse den Kampf – aus Mangel an Raum und Ressourcen.

Die Übertragung auf unser geistliches Leben ist daher klar: Wenn wir echtes Leben in Fülle haben, bleibt kein Platz für die Sünde.

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Diese Wirklichkeit ist nicht nur eine praktische Anleitung für unser Gebetsleben, sondern erinnert uns auch an die ständige Haltung Christi, „das Böse durch das Gute zu überwinden“ – das Böse, das die Welt wie das Unkraut im Gleichnis erfüllen will.

Eine außergewöhnliche Szene, in der diese Haltung Jesu sichtbar wird, ist die Heilung des Mannes mit der verdorrten Hand am Sabbat (Mk 3,1–6). Hier besteht das „Böse“ – die Dornen – in der verdorbenen Absicht der Pharisäer, die einen Vorwand suchten, um Jesus anzuklagen, während sie das Leiden des Kranken ignorierten.

Die Pharisäer konzentrierten sich auf das, was man nicht tun durfte: Am Sabbat darf man nicht arbeiten. Ihr Ansatz war rein negativ und verbietend. Sie warteten darauf, dass Jesus einen Fehler machte.

Jesus hingegen diskutiert nicht über technische Gesetzesfragen. Stattdessen füllt er den moralischen Raum mit einer Frage, die auf das Gute ausrichtet: „Ist es erlaubt, am Sabbat Gutes zu tun oder Böses, Leben zu retten oder zu vernichten?“

Er füllt alles mit dem Guten. Angesichts des feindlichen Schweigens handelt er und schenkt Leben in Fülle – dem Kranken und seiner Familie. So zeigt er, dass der Sabbat nicht ein Tag ist, um „nichts Böses zu tun“, sondern um ihn „mit Gutem zu füllen“.

Das Judentum des 1. Jahrhunderts war in verschiedene Gruppen unterteilt (Pharisäer, Sadduzäer, Essener), die großen Wert auf rituelle Reinheit und Absonderung legten.

Jesus durchbrach diese Barrieren, indem er mit Sündern aß, Aussätzige berührte und am Sabbat heilte. Seine Botschaft, dass die Liebe zu Gott sich in der Liebe zum Nächsten zeigt – unabhängig davon, wer dieser ist –, stellte die bestehende religiöse Ordnung in Frage.

Christus bezeichnet sich selbst als „die Tür“. In Wahrheit ist es eine enge Tür, denn sie verlangt völlige Selbsthingabe und ständige Aufmerksamkeit gegenüber den anderen. Doch genau das hat er gelebt – deshalb hat er die Autorität, uns dasselbe zu verlangen.

Wenn Christus sagt, dass er unser Hirte ist, greift er auf ein Bild zurück, das den Menschen seiner Kultur sehr vertraut war.

Das jüdische Volk war in seinen Ursprüngen ein Hirtenvolk, und dieser Beruf gehörte nicht zu den angesehenen Klassen. Abraham, Mose und David waren Hirten. Die hebräische Sprache kennt mehrere Begriffe für das, was wir schlicht „Hirte“ nennen, weil ihre Aufgaben vielfältig und anspruchsvoll waren: Sie führten zu sicheren Orten, suchten Wasser, heilten Wunden, verteidigten gegen Wölfe und Diebe, trugen die schwachen Lämmer und hielten die Herde zusammen. Deshalb wurde „Hirte“ zu einer Metapher für die Führer des Volkes.

In unserem Gebet muss diese großzügige Haltung des Hirten – wachsam, aufmerksam für seine Herde – damit beginnen, unsere eigene Neigung zur Zerstreuung und zur Flucht vor unserer Sendung zu erkennen, die darin besteht, zu dienen.

Darum fordert schon das Alte Testament, das zu leben, was wir den evangelischen Geist nennen: eine ständige Aufmerksamkeit für das, was der Herr des Weinbergs hier und jetzt von uns verlangt:

„Diese Worte, auf die ich dich heute verpflichte, sollen auf deinem Herzen geschrieben stehen. Du sollst sie deinen Kindern wiederholen. Du sollst von ihnen reden, wenn du zu Hause sitzt und wenn du auf dem Weg bist, wenn du dich schlafen legst und wenn du aufstehst. Du sollst sie als Zeichen um dein Handgelenk binden. Sie sollen zum Schmuck auf deiner Stirn werden. Du sollst sie auf die Türpfosten deines Hauses und in deine Stadttore schreiben“ (Dtn 6,6–9).  

In den Heiligsten Herzen von Jesus, Maria und Josef

Luis Casasús, Präsident