
Evangelium nach Matthäus 25,1-13:
In jener Zeit erzählte Jesus seinen Jüngern das folgende Gleichnis: Mit dem Himmelreich wird es sein wie mit zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und dem Bräutigam entgegengingen. Fünf von ihnen waren töricht, und fünf waren klug. Die törichten nahmen ihre Lampen mit, aber kein Öl, die klugen aber nahmen außer den Lampen noch Öl in Krügen mit. Als nun der Bräutigam lange nicht kam, wurden sie alle müde und schliefen ein.
Mitten in der Nacht aber hörte man plötzlich laute Rufe: Der Bräutigam kommt! Geht ihm entgegen! Da standen die Jungfrauen alle auf und machten ihre Lampen zurecht. Die törichten aber sagten zu den klugen: Gebt uns von eurem Öl, sonst gehen unsere Lampen aus. Die Klugen erwiderten ihnen: Dann reicht es weder für uns noch für euch; geht doch zu den Händlern und kauft, was ihr braucht. Während sie noch unterwegs waren, um das Öl zu kaufen, kam der Bräutigam; die Jungfrauen, die bereit waren, gingen mit ihm in den Hochzeitssaal, und die Tür wurde zugeschlossen.
Später kamen auch die anderen Jungfrauen und riefen: Herr, Herr, mach uns auf! Er aber antwortete ihnen: Amen, ich sage euch: Ich kenne euch nicht. Seid also wachsam! Denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde.
Gebet und Aufmerksamkeit
Luis Casasús, Präsident der Idente Missionarinnen und Missionare
Rom, 8. November 2026 | 32. Sonntag im Jahreskreis
Weish 6,12-16; 1 Thess 4,13-17; Mt 25,1-13
Die französische Schriftstellerin Simone Weil (1909-1943) sagte, das Gebet sei vor allem Aufmerksamkeit. In ihren Schriften, besonders in ihrem Werk Attente de Dieu, vertritt Weil die Auffassung, dass die Aufmerksamkeit, auf ihre höchste Stufe gebracht, dem Gebet gleichkommt: eine empfangende Haltung, frei vom Ego und vom Wunsch, sich durchzusetzen, die darin besteht, das Denken auszusetzen, um die Wirklichkeit, oder Gott, zu hören und aufzunehmen. Das erinnert an das heutige Evangelium, in dem der Schlaf die Jungfrauen übermannt, die „töricht“ genannt werden, gerade weil sie bei der Ankunft des Bräutigams nicht wachsam sind.
Die Begebenheit von Emmaus (Lk 24,13-35) ist besonders aufschlussreich für die Zerbrechlichkeit unserer Aufmerksamkeit, denn die Erzählung kreist um ein Paradox: Christus ist da, er spricht, begleitet und führt, und doch erkennen ihn die Jünger nicht. Weil bestand darauf, dass Aufmerksamkeit eine Form stillen und empfangenden Wartens ist, ein Aussetzen der eigenen Gedanken, damit sich die Wirklichkeit so zeigen kann, wie sie ist. Genau das fehlt den beiden bedrückten Jüngern anfangs.
Sie gehen ihres Weges und sprechen über die Ereignisse in Jerusalem; doch sie sind nicht wirklich offen dafür, zu verstehen, was geschehen ist. Sie haben bereits eine Erklärung: Wir aber hatten gehofft, dass er der sei, der Israel erlösen werde (Lk 24,21). Ihr Leiden rührt nicht nur von den Ereignissen selbst her, sondern daher, dass diese Ereignisse ihre Erwartung zerschlagen haben, ihre Art zu sehen, ihre Art, das Geschehene zu deuten.
Es ist bezeichnend, dass Jesus sich nicht offen zu erkennen gibt, sondern ihre Aufmerksamkeit lenkt. Zuerst fragt er: „Was sind das für Dinge, über die ihr auf eurem Weg miteinander redet?“ Der Meister versteht es wirklich, hinzusehen und zuzuhören; er bringt sie dazu, auszusprechen, was in ihnen ist, und so legen die Jünger ihre Enttäuschungen, ihre Deutungen und ihre Urteile offen. Erst dann beginnt er, ihnen die Schrift auszulegen. Hier zeigt sich eine Wirklichkeit des mystischen Lebens, die Art, wie der Heilige Geist wirkt. Gott erleuchtet uns unablässig, indem er unsere Aufmerksamkeit auf das lenkt, was für unsere Sendung wichtig ist (mystische Sammlung), und zugleich reinigt er unsere Art zu sehen.
Christus führt die beiden pilgernden Jünger geduldig von ihrem begrenzten Verständnis hin zu einem weiteren Blick auf den göttlichen Plan.
Ihre Aufmerksamkeit verlagert sich dann vom eigenen Schmerz auf die Wahrheit, denn sie waren in einer inneren Erzählung gefangen. Sie sehen die Wirklichkeit durch den Filter einer vorgefassten Idee: Der Messias hätte politisch triumphieren sollen. Da Jesus am Kreuz gestorben ist, schließen sie, dass alles gescheitert ist. Deshalb können sie den auferstandenen Christus, als er sich ihnen nähert, nicht sehen; nicht weil es ihnen an Verstand fehlt, sondern weil ihre Aufmerksamkeit besetzt ist.
Später werden sie sagen: Brannte nicht unser Herz in uns, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schriften eröffnete? Eine feine Beobachtung. Äußerlich haben sie ihn noch nicht erkannt, aber etwas in ihnen nimmt schon eine außergewöhnliche Gegenwart wahr; das Herz erkennt, bevor die Augen sehen.
Tatsächlich hat wahre Aufmerksamkeit diesen Charakter: Sie ist keine Leistung des Verstandes, sondern eine tiefe Empfänglichkeit, die es der Wahrheit erlaubt, die Seele nach und nach zu erleuchten; die Gnade war da, aber es braucht eine gereinigte Aufmerksamkeit, um sie wahrzunehmen.
Der entscheidende Moment kommt beim Brechen des Brotes; da wurden ihre Augen aufgetan und sie erkannten ihn.
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Ebenso warnt uns Christus im Gleichnis vom Weizen und vom Unkraut (Mt 13,24-30), dass der Feind sät, „während die Menschen schliefen“. Das zeigt, wie die betende Aufmerksamkeit uns nicht nur Gottes Willen hören lässt, sondern uns auch von den Täuschungen und der Anziehungskraft der Welt und des Teufels befreit.
Die „Aufmerksamkeit“, von der wir sprechen, bedeutet nicht, auf den Schlaf zu verzichten, sondern mit ganzem Herzen, ohne an sich selbst zu denken, auf jeden Menschen und jedes Ereignis um uns herum zu schauen, so wie Jesus es unablässig tat. Als er zum Beispiel von einem der führenden Pharisäer zum Essen eingeladen wurde (Lk 14,1-11), beobachtete man ihn genau. Und auch Jesus beobachtet: Als er bemerkte, wie sich die Gäste die Ehrenplätze aussuchten … (Lk 14,7).
Wie verschieden kann man beobachten! Aufmerksamkeit ist ganz unterschiedlich, je nach dem Beweggrund, der sie auslöst, nach den inneren Motiven, nach dem, was im Herzen des Beobachters ist. Die Pharisäer, so berichtet das Evangelium an verschiedenen Stellen, beobachten Jesus, um ihn anzuklagen. Jesus dagegen beobachtet, um zu helfen, um zu dienen, um Gutes zu tun. Und wie eine fürsorgliche Mutter gibt er Rat:
Da beobachtete man ihn genau. Als er bemerkte, wie sich die Gäste die Ehrenplätze aussuchten, erzählte er ihnen ein Gleichnis: „Wenn du von jemandem zu einer Hochzeit eingeladen bist, nimm nicht den Ehrenplatz ein!“
Das wiederholt sich im Evangelium immer wieder:
* Maria Magdalena meint, einen Gärtner vor sich zu haben, und erkennt Jesus erst, als sie ihren Namen hört.
* Die Apostel sehen einen Sturm und nehmen nicht wahr, dass Christus im Boot ist.
* Die Pharisäer sehen die Wunder, bleiben aber blind für ihre Bedeutung.
* Du und ich sehen eine „schwierige Person“ oder leben vielleicht mit ihr zusammen, und es fällt uns schwer, in ihr einen Pilger zu sehen, der auf mühsamem Weg zu seinem wahren Zuhause ist.
In all diesen Fällen liegt das Problem nicht in einer Abwesenheit Gottes, sondern in der Qualität unserer Aufmerksamkeit.
Gott ist mir immer näher, als ich ihm bin; was sich wandeln muss, ist nicht seine Gegenwart, sondern mein Blick.
Ein sehr deutliches Beispiel ist der junge Samuel (1 Sam 3).
Dieser Prophet lebt im Tempel und hört in der Nacht eine Stimme, die ihn ruft: Samuel, Samuel! Zuerst meint er, der Priester Eli rufe ihn, und läuft mehrmals zu ihm. Schließlich begreift Eli, dass es Gott ist, und sagt ihm, er solle antworten: Rede, Herr; denn dein Diener hört.
Gott hatte schon von Anfang an gesprochen. Das Problem war nicht, dass Gott schwieg, sondern dass Samuel noch nicht wusste, wie er richtig aufmerksam sein sollte. Die Offenbarung kommt nicht durch brillantes Denken oder große Betriebsamkeit, sondern durch eine Haltung wachsamen Hörens, die verlangt, sich selbst leer zu machen, um der Wirklichkeit und Gott Raum zu geben. Genau diesen Weg geht Samuel:
Gott spricht unablässig zum Menschen; die Schwierigkeit liegt nicht darin, dass Gott schweigt, sondern darin, dass unsere Aufmerksamkeit oft von unseren eigenen Gedanken, Ängsten, Wünschen oder Vorurteilen besetzt ist.
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Das Gleichnis von den zehn Jungfrauen ist eine tiefe und sehr hilfreiche Lehre Jesu über das Gebet und die geistliche Wachsamkeit. Wir können es so deuten:
* Das Öl steht für das Gebetsleben. Die zehn Jungfrauen warten auf den Bräutigam; alle haben Lampen, aber nur fünf haben Öl in Reserve. Die Lampe kann für die rituellen Ausdrucksformen des Glaubens stehen, für die religiösen Übungen, die apostolische Tätigkeit oder die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. All das ist notwendig und nützlich. Das Öl dagegen steht für das, was die Beziehung zu Gott von innen nährt: das liebende Gebet, die angenommene Gnade und die tägliche Treue. Es genügt nicht zu sagen: Ich glaube; dieser Glaube muss lebendig gehalten werden durch eine beständige und aufmerksame Beziehung zu Gott, der nicht aufhört, mich zu rufen.
* Das Gebet bereitet uns auf Zeiten der Dunkelheit vor. Der Bräutigam lässt auf sich warten, und es wird Nacht. Auch im geistlichen Leben gibt es Verzögerungen, Schweigen Gottes, Läuterung, Müdigkeit und Routine. Wer seinen Verstand, seinen Willen und seine Freiheit für das Gebet geschult hat, besitzt eine innere Reserve, um durch solche Zeiten zu kommen. Wer nur von flüchtiger Begeisterung lebt, merkt, dass seine Lampe gerade dann erlischt, wenn er sie am meisten braucht.
Die Haltung der klugen Jungfrauen zeigt sehr gut, was tätige Demut ist: sich jeden Tag der Evangelischen Lektion zuzuwenden, die uns nahelegt, wie wir die Lehren, das empfangene Beispiel und die Gnade für den täglichen Kampf nutzen können.
* Niemand kann sein Öl ausleihen. Die klugen Jungfrauen können den törichten nichts von ihrem Öl abgeben. Das lehrt, dass das Gebetsleben zutiefst persönlich ist. Ich kann von anderen Hilfe, Beispiel und Rat empfangen, aber niemand kann an meiner Stelle beten oder meine eigene Antwort an Gott ersetzen.
Die Heiligkeit unserer Eltern, unseres Ehepartners, unserer Freunde oder der Heiligen, die uns helfen, genügt nicht. Jeder Mensch muss seine eigene Vertrautheit mit Gott aufbauen, als lebendiger Stein, der im Reich eine einzigartige Aufgabe hat.
* Gebet ist Ausdauer, nicht nur Gefühl. Die klugen Jungfrauen rechnen mit der Verzögerung. Ebenso besteht wahres Gebet nicht nur aus Augenblicken der Inbrunst. Es ist die Treue dessen, der Gott weiter sucht, auch wenn er nichts Besonderes empfindet, wenn er müde ist oder wenn die Antwort auf sich warten lässt.
* Seid also wachsam! Denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde. Geistliche Wachsamkeit heißt nicht, in Angst zu leben, sondern in beständiger Freundschaft mit Gott. Die Seele, die gewohnheitsmäßig betet, ist immer bereit, das Kommen des Bräutigams zu erkennen, sei es in einer Eingebung, in einer Läuterung, in der Verfolgung, in der Begegnung mit einem Menschen oder im letzten Augenblick des Lebens.
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Ein anschauliches und sehr häufiges Beispiel sind Ehepaare, die in den Ruhestand gehen. Nehmen wir zwei Fälle. Vierzig Jahre lang haben beide Paare gearbeitet, Kinder großgezogen und Schwierigkeiten bewältigt. Von außen wirkt ihr Leben gleich gelungen. Und doch gibt es einen weniger sichtbaren Unterschied.
Beim ersten Paar haben sich die Eheleute regelmäßig Zeit genommen, um miteinander zu reden, einander zuzuhören, einander zu vergeben und zu teilen, was sie bewegt. An vielen Tagen hatten sie keine Lust dazu, waren müde oder von der Arbeit vereinnahmt, aber sie pflegten diese Beziehung wie jemand, der nach und nach einen Ölvorrat auffüllt.
Beim zweiten Paar funktionierte alles, solange es gemeinsame Verpflichtungen gab: Kinder, Arbeit, Hypothek, Aktivitäten. Die persönliche Vertrautheit pflegten sie kaum.
Dann kommt der Ruhestand. Plötzlich fallen viele Beschäftigungen weg, die das Leben ausgefüllt hatten. Das erste Paar entdeckt, dass es sich noch viel zu sagen hat; die beiden genießen den neuen Lebensabschnitt, reisen, unterhalten sich und wachsen miteinander. Beim zweiten wirkt es wie die Begegnung zweier Fremder; sie hatten die äußere Lampe der Ehe brennen lassen, aber das Öl der tiefen Beziehung fehlte.
Die Ähnlichkeit mit dem Gleichnis liegt darin, dass der entscheidende Moment nicht plötzlich hervorbringt, was fehlt; er macht nur sichtbar, was sich über die Jahre angesammelt hat.
Wenn ein neuer Lebensabschnitt beginnt, können diejenigen, die geduldig das Wesentliche gepflegt haben, mit Freude in ihn eintreten. Wie die klugen Jungfrauen mussten sie nicht in letzter Minute loslaufen, denn sie trugen den nötigen Vorrat schon bei sich.
Auf das Gebet übertragen ist die Lehre sehr ähnlich: Wer jeden Tag sein stilles Gebet und seine Aufmerksamkeit für Gott in den täglichen Tätigkeiten lebt, sieht vielleicht keine spektakulären Ergebnisse, sammelt aber nach und nach „Öl“ an. Wenn Krankheit, Einsamkeit, Verfolgung, eine große Verantwortung oder eine besondere Gnade Gottes kommen, entdeckt er, dass seine Lampe noch brennt. Nicht, weil er stärker wäre als andere, sondern weil er über Jahre eine Freundschaft mit den göttlichen Personen genährt hat, die ihn jetzt tragen kann.
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In den Heiligsten Herzen von Jesus, Maria und Josef,
Luis CASASUS
Präsident











