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Seligpreisungen: Fruchtbare Tränen | Evangelium vom 1. November

Von 28 Oktober, 2026Oktober 29th, 2026No Comments

Evangelium nach Matthäus 5,1-12a:
In jener Zeit, als Jesus die vielen Menschen sah, die ihm folgten, stieg er auf einen Berg. Er setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm. Dann begann er zu reden und lehrte sie. Er sagte: «Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden. Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben. Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden. Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden. Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen. Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden. Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet. Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein».

Seligpreisungen: Fruchtbare Tränen

Luis Casasús, Präsident der Idente Missionarinnen und Missionare

Rom, 1. November 2026 | Allerheiligen

Offb 7,2-4.9-14; 1 Joh 3,1-3; Mt 5,1-12a

Die Seligpreisungen der Bergpredigt finden einen deutlichen Widerhall in anderen Religionen und philosophischen Traditionen. Ihre genaue Form (Selig, die … denn …) stammt zwar aus einer bestimmten literarischen Gattung des Judentums, doch die Werte, für die sie eintreten, sind universal: Demut, Mitgefühl, Loslösung vom Ego und das Streben nach Frieden.

Hier einige bemerkenswerte Parallelen in den großen religiösen Traditionen:

1. Jesus war Jude, und seine Lehre steht in der Tradition seines Volkes. So begegnet die Formel „Selig, wer …“ häufig in den Psalmen und in den Sprüchen, etwa in Psalm 1: Selig der Mann, der nicht nach dem Rat der Frevler geht. Zentrale Begriffe wie die Anawim (die Armen im Geist, die Demütigen, die ganz auf Gott vertrauen) und der Hunger nach Gerechtigkeit gehören zum prophetischen Kern des Alten Testaments.

2. Traditionelle buddhistische Texte zählen die „großen Segnungen“ (Mangala) auf. Die erste Seligpreisung (Selig, die arm sind vor Gott) klingt unmittelbar an den buddhistischen Gedanken der Ich-Losigkeit (Anatta) an und an die Loslösung von materiellen Wünschen als Weg zur geistigen Befreiung. Der buddhistische Aufruf zur Gewaltlosigkeit (Ahimsa) und zum allumfassenden Mitgefühl (Karuna) erinnert sofort an die „Sanftmütigen“ und die „Friedenstifter“ im heutigen Evangelium.

3. Der Islam erkennt Jesus als einen seiner wichtigsten Propheten an und teilt mehrere ethische Grundpfeiler der Bergpredigt. Der Koran sagt in Sure 21,105: Die Erde werden Meine rechtschaffenen Diener erben. Der Sufismus, die mystische Strömung des Islam, betont die Läuterung des Ego und die geistige Armut vor der Größe Gottes, Gedanken, die denen der Reinen im Herzen und der Armen im Geist sehr nahe stehen.

4. Der Hinduismus preist in seinem Hauptwerk, der Bhagavad Gita, Tugenden, die denen des Evangeliums ähneln, etwa die Loslösung von den Früchten des Handelns: Mit lauterer Absicht handeln, ohne menschliche Anerkennung zu suchen, und angesichts von Leid oder Verfolgung gelassen bleiben, das entspricht genau den Seligpreisungen derer, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden. Mahatma Gandhi ließ sich tatsächlich stark von den christlichen Seligpreisungen anregen, als er seine Lehre vom gewaltlosen Widerstand entwickelte.

5. In den Gesprächen des Konfuzius wird der Junzi (der ideale oder edle Mensch) mit Zügen beschrieben, die sofort an die Botschaft Jesu denken lassen. Konfuzius vertrat die Ansicht, dass tiefe Demut, Lauterkeit des Herzens und das unbeirrbare Streben nach Gerechtigkeit die einzigen Wege sind, um sich mit dem „Willen des Himmels“ in Einklang zu bringen. Sie sichern einen inneren Segen, der nicht von äußerem Reichtum oder äußerer Macht abhängt.

Trotz dieser Ähnlichkeiten enthalten die Seligpreisungen etwas Einzigartiges: Sie sind nicht einfach eine Sammlung universaler Tugenden, sondern eine Offenbarung des Antlitzes Christi und der Logik des Himmelreichs.

Viele Autoren haben darauf hingewiesen, dass die Seligpreisungen vor allem die Person Jesu beschreiben: Er ist der Arme im Geist, der Sanftmütige, der Barmherzige und der um der Gerechtigkeit willen Verfolgte. Deshalb sind die Seligpreisungen nicht nur eine Ethik, sondern eine Teilhabe am Leben Christi selbst.

Man könnte sagen, dass andere Religionen verschiedene Bruchstücke der Weisheit erkennen, die in den Seligpreisungen enthalten ist. Christus aber stellt sie als eine bestimmte Sicht vor: das Kommen des Himmelreichs, das in seiner eigenen Person sichtbar wird.

Die Seligpreisungen brechen in mehrfacher Hinsicht mit den Denkmustern ihrer Zeit, der heutigen Welt und anderer Religionen:

1. Die radikale Umkehrung der Werte. In der Antike (in der römischen Gesellschaft ebenso wie in manchen jüdischen Strömungen) galten Reichtum, Gesundheit und Macht als Zeichen göttlicher Gunst oder des Erfolgs. Jesus sagt nicht, dass Leiden an sich gut sei. Er sagt, dass die Menschen, die darin gefangen sind, die Trauernden und die Hungernden, heute selig sind, weil Gott sich entschieden hat, vorrangig auf ihre Seite zu treten.

Es ist kein Handbuch der Ethik, es ist eine Verkündigung. Jesus gibt auch keine Ratschläge, wie man glücklich wird (wie es manche griechische und östliche Philosophien tun), sondern er verkündet eine Wende der Geschichte.

2. Die Gegenwart des Reiches Gottes. In anderen Traditionen kommt der Lohn für die Tugend nach einem Kreislauf von Wiedergeburten, durch das Bemühen, ein peinlich genaues Gesetz zu erfüllen, oder in einem fernen Jenseits. Jesus dagegen sagt, dass das Reich Gottes mit seinem Kommen bereits begonnen hat (denn ihnen GEHÖRT das Himmelreich). Die Verwandlung der Welt ist kein vages Versprechen für das Ende der Zeiten, sondern eine Wirklichkeit, die in die Gegenwart einbricht und eine sofortige Antwort verlangt.

3. Die Vollmacht, mit der er spricht. Im Judentum sagten die Propheten: So spricht der Herr. In anderen Religionen sagen die Weisen: Dies ist der Weg, den ich entdeckt habe.

Jesus stellt sich selbst in die Mitte der Botschaft. Er sagt: Selig seid ihr, wenn man euch schmäht und verfolgt und alles Böse über euch redet um meinetwillen. Das Neue ist keine Lehre, sondern seine eigene Person. Er zeigt sich als Maßstab der Gerechtigkeit und als das Antlitz des Gottes, der die Betrübten tröstet.

4. Die Feindesliebe als Gipfel der Gerechtigkeit. Die Goldene Regel (Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu) gibt es in fast allen Kulturen. Jesus aber treibt sie in den Versen nach den Seligpreisungen auf eine unerhörte Spitze: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen. Er durchbricht die Logik der Gegenseitigkeit. Gewaltlosigkeit genügt nicht; verlangt ist eine tätige Liebe zum Unterdrücker, in der sich die bedingungslose Liebe Gottes spiegelt, der seine Sonne aufgehen lässt über Bösen und Guten.

5. Gott als liebender Vater (Abba). Der Beweggrund, die Seligpreisungen zu leben, ist nicht, persönliche Vollkommenheit, das Nirwana oder ein kosmisches Gleichgewicht zu erreichen, sondern einem Vater ähnlich zu werden. Jesus eröffnet eine kindliche Vertrautheit mit Gott, die für seine Zeit neu war, und verwandelt den religiösen Gehorsam in eine Antwort der Liebe und des vollen Vertrauens.

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Unser Gründervater Fernando Rielo hat uns gelehrt, dass sich die Seligpreisungen im Leben des Asketen als eines der Merkmale der innigsten Vereinigung mit den göttlichen Personen zeigen. Traditionell nennt man sie die transverberative Vereinigung. Sie hinterlässt in uns ein Zeichen oder Stigma, das von einer Art Schmerz geprägt ist, der uns antreibt und in Bewegung setzt, ähnlich wie es einer Mutter oder einem Vater geht, wenn ihr Kind mitten in der Nacht schwer krank wird.

Stellen wir uns folgende Szene vor: Du kommst nach einem zermürbenden Arbeitstag von zwölf Stunden nach Hause. Du bist erschöpft und dazu noch verärgert darüber, wie dein Chef und deine Kollegen dich behandelt haben. Du hast keine Kraft mehr, schleppst dich dahin und hast das Gefühl, keinen Schritt mehr gehen zu können. Dann fällst du in einen tiefen Schlaf.

Plötzlich, um drei Uhr morgens, weckt dich das Weinen deines Kindes. Du merkst, dass es hohes Fieber hat und schwer zu atmen beginnt. In diesem Augenblick geschieht etwas Erstaunliches: Der Schmerz, die Angst und das Leiden deines Kindes treffen dich bis ins Innerste. Du „trauerst“ mit ihm, und sein Schmerz wird zu deinem Schmerz. Im selben Moment verschwinden die angesammelte Müdigkeit, der Schlaf und die Schwäche vollständig. Dein Kopf wird klar; wie man so sagt, das Adrenalin schießt in die Höhe, und du findest eine Kraft, die es ein paar Minuten vorher noch nicht gab.

Du ziehst dich in Sekunden an, greifst nach dem Autoschlüssel, fährst hellwach durch den Regen und betrittst die Notaufnahme mit gewaltiger Kraft und Entschlossenheit. Die Kälte ist dir egal, der Hunger ist dir egal, die Müdigkeit am nächsten Tag ist dir egal; deine ganze Kraft gilt allein dem Ziel, dein Kind zu retten und zu trösten.

Das geschieht, weil die aus Liebe geborene Betrübnis deine natürliche Bequemlichkeit (den Wunsch weiterzuschlafen) durchbricht und eine verborgene Kraftreserve freisetzt, die deine Instinkte oder die bloße Pflicht niemals hätten wecken können. Der Schmerz um den anderen schwächt dich nicht; er macht dich, sagen wir es so, unaufhaltsam.

Der Eindruck, dazu gedrängt worden zu sein, eine bestimmte Seligpreisung zu leben, ist mit dem einer Gegenwart verbunden, einer besonderen und ansteckenden Begleitung durch den Vater, den Sohn oder den Heiligen Geist, zumindest in manchen Augenblicken. Es sind Zeichen oder Prägungen in unserem Geist, die Fernando Rielo unziale Eindrücke nennt, weil sie dasselbe bedeuten wie in der Bibel „gesalbt werden“: von Gott ausgesondert, geweiht und befähigt werden für eine bestimmte Sendung oder ein Amt, durch die symbolische Handlung, Öl auf das Haupt eines Menschen zu gießen. Anders als Wasser, das schnell verdunstet, dringt Öl tief in Haut, Haare und Kleidung ein, und seine Wirkung hält lange an. Das ist ein treffendes Bild dafür, wie der Heilige Geist in einem Menschen wirkt: nicht als oberflächlicher oder flüchtiger Einfluss, sondern als eine Gegenwart, die bis ins Innerste des Menschen dringt, seinen Charakter verwandelt und bei ihm bleibt, um ihn für seine Sendung zu befähigen.

Die „Betrübnis“, die in der mystischen Tradition als Mit-Leiden (mit jemandem leiden) bekannt ist, oder als der Schmerz der Seele angesichts der Wunden der Welt, ist keine Traurigkeit, die niederdrückt oder lähmt. Im Gegenteil: Wenn diese Betrübnis die des Vaters ist, von Christus mitgeteilt und vom Heiligen Geist ins Herz eingeprägt, wird sie zu einer verwandelnden Kraft, die alle Kräfte des Menschen in Bewegung setzt.

Das geschieht auf tiefe Weise und lässt sich an mehreren Zeichen erkennen:

1. Sie durchbricht die Lähmung von Selbstsucht und Gleichgültigkeit. Wenn wir auf Christus schauen, besonders am Kreuz oder in seiner Nähe zu den Ausgegrenzten, trifft uns etwas, das jeden Schutzpanzer gegen das Leid anderer zerbricht und uns zum sofortigen Handeln drängt.

2. Sie verwandelt das Leiden in ein „Werk der Liebe“. Wenn das Leid der Welt uns so schmerzt, wie es die göttlichen Personen schmerzt, verpufft dieser Schmerz nicht in Klagen, sondern wird zu Kreativität und Hingabe. Unsere geistigen und körperlichen Kräfte werden geschärft, um die Traurigen zu trösten, die Hungernden zu speisen oder gegen Ungerechtigkeit zu kämpfen. Der heilige Augustinus sagte: Die Liebe hat Hände, um zu helfen, Füße, um zu den Bedürftigen zu gehen, und Augen, um das Elend zu sehen.

3. Sie lässt das Paradox der Kraft in der Schwachheit wirksam werden. Der heilige Paulus erklärte, dass gerade dann, wenn wir unsere Schwachheit und Betrübnis anerkennen, eine Kraft hervorbricht, die nicht die unsere ist. Meine Gnade genügt dir; denn die Kraft wird in der Schwachheit vollendet (2 Kor 12,9).

4. Sie schenkt eine Widerstandskraft, die man manchmal „die Kühnheit der Heiligen“ nennt. Wer von dieser Betrübnis ergriffen ist, fürchtet weder Misserfolg noch Müdigkeit noch Verfolgung. Seine treibende Kraft ist nicht der schnelle Erfolg, sondern die Treue zur Liebe. Daraus erklärt sich die unbegreifliche Energie von Heiligen wie Mutter Teresa von Kalkutta oder Damian von Molokai, die, bewegt von einer inneren Betrübnis über Elend und Krankheit, eine gewaltige körperliche und organisatorische Arbeit leisteten, die jeder menschlichen und medizinischen Logik widersprach.

5. Sie macht das Weinen zu einer treibenden Kraft für Gerechtigkeit. Wenn es heißt: Selig die Trauernden, ist das Weinen derer gemeint, die hungern und dürsten danach, dass sich die Dinge ändern, vor allem aber danach, dass jeder Mensch Christus kennenlernt. Sie fühlen sich gedrängt, tatkräftig daran zu arbeiten, dass das Reich Gottes hier und jetzt Wirklichkeit wird.

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Schauen wir auf ein eindrückliches Beispiel aus der Welt der Kunst, in dem Schmerz und tiefe Betrübnis zu einem Antrieb wurden, der eine fast übermenschliche körperliche, geistige und schöpferische Kraft freisetzte. Es ist die mexikanische Malerin Frida Kahlo, an der sich zeigt, wie körperliches und seelisches Leid eine unaufhaltsame schöpferische Kraft entfachen kann. Mit 18 Jahren erlitt sie einen schweren Unfall, der sie monatelang ans Bett fesselte; im Lauf ihres Lebens musste sie sich mehr als 30 Operationen unterziehen. Zu diesem körperlichen Schmerz kam der seelische Kummer über die stürmische Beziehung zu ihrem Ehemann.

Statt in Selbstmitleid oder Teilnahmslosigkeit zu versinken, entfachte dieser innere Kummer in ihr eine geradezu vulkanische künstlerische Kraft. Ihre Mutter ließ einen Spiegel an der Decke über ihrem Bett anbringen und eine besondere Staffelei für sie bauen. Frida begann wie besessen zu malen, um ihrem eigenen Körper zu „entfliehen“. Der Schmerz schwächte sie nicht; er zwang sie, ihre ganze geistige Kraft auf die Leinwand zu bringen. So entstand ein Werk von Weltrang, und sie selbst wurde zu einer Symbolfigur der Widerstandskraft. Sie sagte selbst: Füße, wozu brauche ich sie, wenn ich Flügel zum Fliegen habe?

Der Heilige Geist, der weiß, was in unserem Inneren ist, nutzt die Betrübnis mit Weisheit, um uns mit sich zu vereinen, damit unser ganzes Wesen sich in den Dienst des Vaters und seiner Kinder stellt.

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In den Heiligsten Herzen von Jesus, Maria und Josef,

Luis CASASUS

Präsident