
Evangelium nach Matthäus 22,15-21:
In jener Zeit kamen die Pharisäer zusammen und beschlossen, Jesus mit einer Frage eine Falle zu stellen. Sie veranlassten ihre Jünger, zusammen mit den Anhängern des Herodes zu ihm zu gehen und zu sagen: Meister, wir wissen, dass du immer die Wahrheit sagst und wirklich den Weg Gottes lehrst, ohne auf jemand Rücksicht zu nehmen; denn du siehst nicht auf die Person. Sag uns also: Ist es nach deiner Meinung erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen, oder nicht? Jesus aber erkannte ihre böse Absicht und sagte: Ihr Heuchler, warum stellt ihr mir eine Falle? Zeigt mir die Münze, mit der ihr eure Steuern bezahlt! Da hielten sie ihm einen Denar hin. Er fragte sie: Wessen Bild und Aufschrift ist das? Sie antworteten: Des Kaisers. Darauf sagte er zu ihnen: So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!
Die Münze, auf die Gott wartet
Luis Casasús, Präsident der Idente Missionarinnen und Missionare
Rom, 18. Oktober 2026 | XXIX. Sonntag im Jahreskreis
Jes 45,1.4-6; 1 Thess 1,1-5b; Mt 22,15-21
Die Anfänge der Steuern reichen bis zu den ersten organisierten Zivilisationen zurück. Als Städte, Heere, Tempel und öffentliche Bauwerke entstanden, brauchten die Herrschenden Mittel, um sie zu unterhalten, und so kamen die Steuern auf. In den alten Städten Mesopotamiens gaben die Bewohner um das dritte Jahrtausend vor Christus einen Teil ihrer Ernte, ihres Viehs oder ihrer Arbeitskraft ab, um Tempel, Paläste und Bewässerungsanlagen zu erhalten.
Im Alten Ägypten wurden die Steuern vor allem in Getreide und anderen landwirtschaftlichen Erzeugnissen entrichtet. Mit den eingesammelten Mitteln wurden die Verwaltung des Pharaos unterhalten und große öffentliche Bauvorhaben finanziert. Mit der Zeit wurden die Steuersysteme immer ausgefeilter. Im klassischen Griechenland kamen Abgaben für den Erhalt der Stadt und die Finanzierung von Kriegen auf; im Römischen Reich gab es Steuern auf Land, Handel und verschiedene wirtschaftliche Tätigkeiten.
Die Steuer, von der im heutigen Evangelium die Rede ist, war der Tribut an den Kaiser, also eine Abgabe, die die Juden an das Römische Reich zahlen mussten. Der Streit darum war nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch politischer und religiöser Natur. Viele Juden empfanden es als demütigend, einer fremden Macht Tribut zu zahlen.
Jesus lässt sich auf diesen Streit nicht ein. Er weiß, dass Steuern notwendig sind, und auch, dass es ohne Zweifel immer Herrschende geben wird, die sie unredlich gebrauchen, zum eigenen Vorteil, zu dem ihrer Familien und ihrer Anhänger.
Er nutzt jedoch die Gelegenheit, um in einer knappen und ausdrucksstarken Formel zu sagen, wie unsere Beziehung zu Gott sein soll: Ihm zu geben, was Ihm gehört.
Allerdings sind wir uns oft nicht einmal bewusst, was alles in uns ist, das wir in Seine Hände legen sollten; ein andermal weigern wir uns, es zu tun, wie die bösen Winzer im Gleichnis, die den Sohn des Weinbergbesitzers töteten (Mt 21,33-43).
Der erste Fall ist der eines jungen Novizen, der mit seinem geistlichen Begleiter dieses Gespräch führte:
Der Schüler fragte: Meister, was soll ich Gott geben?
Der Meister antwortete: Finde zuerst heraus, was du für dich behalten hast.
Der Schüler durchsuchte seine Taschen und fand nichts.
Da zeigte der Meister auf seine Brust und sagte: Such dort.
Eine etwas vereinfachende Deutung des heutigen Evangeliums wäre zu sagen: So wie wir die Steuergesetze befolgen müssen, müssen wir auch das Gesetz Gottes achten.
In Wahrheit ahnen wir manchmal gar nicht, wie wichtig es ist, Gott bestimmte Bereiche unseres Innersten zu „geben“: Wir schenken Ihm einige Tätigkeiten, etwa Zeit für das Gebet, religiöse Übungen und gute Werke, behalten uns aber Teile unseres Lebens vor.
Tatsächlich bedeutet „Ihm etwas geben“, es Ihm zur Verfügung zu stellen. Doch wir glauben nicht ganz, dass Er darauf wartet, aus dem, was wir Ihm geben, ein Kunstwerk zu machen, etwas Einzigartiges. Es geht uns wie den Jüngern, die sich verrechneten und nach weltlichen Maßstäben urteilten: Fünf Brote und zwei Fische für Tausende von Menschen … das ist nichts.
—ooOoo—
Entscheidend ist der Wunsch, die Absicht, dass unser Vater den bescheidenen Rohstoff in Händen hält, um daraus etwas zu schaffen, das vom Himmel spricht, von Seiner Gegenwart.
Die arme Witwe, die zwei Münzen gab (Mk 12,41-44), ist ein Beispiel dafür, wie Gott sich von der Großzügigkeit Seiner Kinder berühren lässt und darauf antwortet, indem Er sie vor allen wie himmlisches Licht aufleuchten lässt.
Im Bericht des Johannes von der Speisung der Fünftausend (Joh 6,1-13) taucht ein Junge auf, der seinen kleinen Vorrat hergibt. Was er für sich behält, bleiben fünf Brote und zwei Fische; was er Jesus gibt, wird Speise für alle. Die Brotvermehrung zeigt, was geschieht, wenn wir das wirklich tun: Was wir Gott darbringen, verschwindet nicht in Seinen Händen, sondern wird auf unerwartete Weise fruchtbar.
In Lukas 5 bittet Jesus Petrus um sein Boot, um von dort aus zu predigen. Petrus hätte denken können: Das ist mein Arbeitsgerät, und jetzt muss ich die Netze flicken. Und doch leiht er es Ihm, und genau dieses Boot, Jesus überlassen, wird zur Kanzel, zum Ort der Begegnung mit dem Wort und schließlich zum Schauplatz eines wunderbaren Fischfangs. Zuerst bietet Petrus ein einfaches Boot an, dann entdeckt er, dass Gott ihm eine erhabene Berufung zurückgibt.
Am nächsten an der Botschaft des heutigen Evangeliums ist aber vielleicht die Gabe derer, die sich unfähig fühlen, sich zu ändern, ihre Gewohnheiten, ihre Mittelmäßigkeit und ihren Stolz aufzugeben, und doch bereit sind, es im Namen Christi zu tun. Wieder spiegeln die Worte des Petrus: Doch auf dein Wort hin werde ich die Netze auswerfen (Lk 5,5) genau diese Form der Hingabe wider. Sie antwortet auf den Wunsch, den Jesus selbst ausspricht: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer (Mt 9,13), ein Nachklang der Worte, die Jahwe dem Propheten Hosea eingab (Hos 6,6). Das ist es, was Gott (nicht nur mein Nächster!) von mir zu empfangen erwartet, denn es ist das unverwechselbarste und stärkste Zeichen Seiner Gegenwart in meinem bescheidenen Leben.
In der Begebenheit, die Matthäus heute erzählt, zeigt ein Detail, dass es Christus um nichts anderes geht als um Barmherzigkeit: Von den Pharisäern und den Anhängern des Herodes befragt, bittet Er sie, Ihm den Denar zu zeigen, mit dem die Steuer bezahlt wird. Sie tun es und beweisen damit, dass Christus keine Münzen besaß, nicht einmal einen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann (Mt 8,20), während sie keine Bedenken hatten, Münzen zu horten und zu benutzen, die den Namen des Kaisers Tiberius trugen, Sohn des „göttlichen Augustus“. Das war nichts anderes als eine Form von Götzendienst.
Oft hindern uns bestimmte Anhänglichkeiten, der Stolz, der Wunsch zu kontrollieren, Wunden, die wir nicht hergeben wollen, und jene Bereiche des Gewissens, in denen wir weiter sagen: „Das gehört nur mir“, daran, Vergebung und Geduld mit dem Nächsten zu leben; stattdessen setzen wir an ihre Stelle das „Opfer“, das Gott in Wahrheit verabscheut.
So handeln wir grausam, wie die Pharisäer, die sich empörten, als sie sahen, wie die Jünger Jesu am Sabbat Ähren vom Feld abrissen und aßen; der Meister aber stellte die Barmherzigkeit über das Gesetz und ließ sie ihren Hunger stillen. Statt Christus in das Boot steigen zu lassen, wollen wir es weiter als Teil unserer Komfortzone benutzen.
Oft wird Barmherzigkeit, die im Namen Christi gelebt wird, missverstanden, wie bei jenem Abendessen, als Maria ein überaus kostbares Öl über Jesus goss (Joh 12,1-8). Für Judas Iskariot war es Verschwendung, für Jesus dagegen ein Ausdruck der Liebe, der den Jüngern und allen Gästen zur Lehre und zum Beispiel wurde und für immer mit dem Gedächtnis des Evangeliums verbunden bleibt.
Ebenso hegte Simon, der Pharisäer, der das Mahl zu Ehren Christi ausgerichtet hatte, einen unbarmherzigen, urteilenden Gedanken gegenüber der Frau und auch gegenüber Christus, als eine Frau, die als Sünderin bekannt war, zum Zeichen höchster Verehrung ein Alabastergefäß mit Öl über die Füße Jesu goss (Lk 7,36-39).
Doch früher oder später steigt der Rauch unserer kleinen Gesten der Barmherzigkeit zum Himmel auf.
—ooOoo—
Als Gott den Menschen erschuf, sprach Er: „Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich! … Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn“ (Gen 1,26-27). So wie Gott sich nicht damit begnügt, uns „etwas“ zu geben, sondern selbst in uns wohnen möchte, weil wir Sein Bild tragen, so sind wir eine Münze, die in Seine Hände zurückkehren soll. Sich Ihm hinzugeben heißt, alles zu tun, was in unserer Macht steht, um auf Seine Weise zu lieben.
Es ist wie bei einem Liebenden, der zur geliebten Person sagt: „Ich gehöre dir“, so wie es in der Göttlichen Komödie geschieht. Die Liebe zu Beatrice verwandelt den Liebenden nach und nach. Dante betrachtet die Geliebte nicht nur, er wird nach und nach von ihr geformt: Seine Art zu denken, zu fühlen und die Wirklichkeit wahrzunehmen verändert sich unter ihrem Einfluss. Die Geliebte wird zur Quelle innerer Verwandlung. In einem klaren Sinn wird der Liebende der, die er liebt, ähnlich.
Die Literatur hat diese Einsicht immer wieder ausgelotet: Wer sich mit echter Liebe hingibt, bleibt nicht derselbe, sondern wird nach dem geformt, den er liebt. Nicht alle Mystiker haben erklären können, wie das geschieht. Johannes vom Kreuz aber erzählt in seinem Geistlichen Gesang, wie die Seele, die Gott liebt, schließlich die Züge des Geliebten annimmt. Die Liebe bewirkt eine gegenseitige Ähnlichkeit, die so ausgedrückt wird: „Die Geliebte in den Geliebten verwandelt.“ Dieser Satz fasst meisterhaft zusammen, dass vollkommene Liebe zur Hingabe an Gott führt, und die Folge davon ist … ein wahres Abbild von Ihm zu werden.
Paulus erinnert heute die Thessalonicher an diese Wirklichkeit, die auch wir vor Augen haben sollten, wenn wir bedenken, dass wir auf dieselbe Weise gerufen worden sind: Denn unser Evangelium kam zu euch nicht im Wort allein, sondern auch mit Kraft und mit dem Heiligen Geist und mit voller Gewissheit.
Papst Franziskus sagte am 22. Oktober 2017, als er das heutige Evangelium auslegte:
„Doch vor allem – Jesus ruft es uns in Erinnerung – gehörst du zu Gott. Er ist es, der dir alles gegeben hat, was du bist und was du hast. Und somit können und müssen wir unser Leben Tag für Tag in der Anerkennung dieser unserer grundlegenden Zugehörigkeit und in der Dankbarkeit des Herzens gegenüber unserem Vater leben, der einen jeden von uns einzeln, unwiederholbar, doch immer nach dem Bild seines geliebten Sohnes Jesus geschaffen hat. Das ist ein wunderbares Geheimnis.“
Diese Worte bedeuten, dass wir gewöhnlich schlafen, wie betäubt gegenüber der Wirklichkeit unseres Daseins. Darum müssen wir „an-erkennen“, uns wieder bewusst werden, wer wir sind, was unser wahres Zuhause und unsere eigentliche Bestimmung ist. Nur so hören wir auf, unser launisches Ich zu schützen, und geben Gott, was Ihm gehört, durch die Barmherzigkeit, die wir denen erweisen, die neben uns sind.
_____________________________
In den Heiligsten Herzen von Jesus, Maria und Josef,
Luis CASASUS
Präsident











